Titelaufnahme

Titel
Wahrnehmung depressiver Symptome durch das Laienpublikum : Korrelate und Konsequenzen / eingereicht von Wolfgang Reichl
VerfasserReichl, Wolfgang
Begutachter / BegutachterinHolzinger, Anita
Erschienen2014
Umfang87 Bl. : graph. Darst.
HochschulschriftWien, Med. Univ., Diss., 2014
Anmerkung
Zsfassung in engl. Sprache
SpracheDeutsch
Bibl. ReferenzOeBB
DokumenttypDissertation
Schlagwörter (DE)Depression / Stigma / Laienpublikum / Labeling / Mental Health Literacy / Etikettierung / Emotionen / Telefonumfrage / Behandlungsempfehlung
Schlagwörter (EN)sepression / stigma / lay public / Labeling / Mental Health Literacy / Labeling / emotions / telephone poll / treatment recommendation
URNurn:nbn:at:at-ubmuw:1-6434 Persistent Identifier (URN)
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Wahrnehmung depressiver Symptome durch das Laienpublikum [2.13 mb]
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Zusammenfassung (Deutsch)

Ziele Im Bezug auf die Effekte der Wahrnehmung und Definition von Symptomen psychischer Erkrankungen durch das Laienpublikum existieren zwei verschiedene Theorien: das Konzept der "Mental Health Literacy" sowie das Modell des "Labeling Approaches" (Etikettierungstheorie). Während ersteres einen positiven Effekt der Etikettierung als psychische Krankheit auf das Krankheitsverhalten postuliert, hat die Etikettierung dem Labeling Approach zufolge negative Auswirkungen auf die Einstellung gegenüber den Kranken zur Folge. Beide Theorien wurden bisher nur gesondert in verschiedenen Studien empirisch untersucht. Ziel dieser Dissertation ist die gemeinsame Überprüfung dieser Konzepte in einer wissenschaftlichen Arbeit am Beispiel des Krankheitsbildes der Depression. Dazu werden aus beiden Konzepten abgeleitete Hypothesen empirisch getestet. Das Konzept der Mental Health Literacy wird mittels folgender Hypothese überprüft: Wenn depressive Symptome als Ausdruck einer Depression bzw. einer psychischen Erkrankung bezeichnet werden, sollte die Bereitschaft zur Empfehlung, einen Psychiater, Psychotherapeuten oder praktischen Arzt aufzusuchen, größer sein. Die Labeling-Theorie wird anhand des Zusammenhangs zwischen der Etikettierung depressiver Symptome und der emotionalen Reaktion auf die betroffenen Menschen untersucht. Die zu überprüfende Hypothese lautet, dass Personen, die depressive Symptome als Zeichen einer Depression bzw.

einer psychischen Erkrankung betrachten, eher mit Angst und Ärger und weniger mit prosozialen Gefühlen auf die betroffene Person reagieren.

Methode Im Zeitraum von Mitte März bis Ende April 2009 wurde eine telefonische Befragung der Wiener Bevölkerung (Lebensalter der Befragten ab 16 Jahren) durchgeführt. Der Präsentation einer Fallvignette folgend wurden die Befragten mittels einer offenen Frage um eine Zustandsbezeichnung der in der Vignette beschriebenen depressiven Symptomatik gebeten.

Anschließend wurden die Interviewteilnehmer befragt, welche Gefühle eine Person in dieser Situation bei ihnen auslöst und welche professionellen Hilfsangebote sie für die Behandlung empfehlen würden.

Ergebnisse Ein Drittel der Befragten, die in der depressiven Symptomatik den Ausdruck einer "Depression" erkannten, verneinte gleichzeitig, dass es sich hierbei um eine psychische Erkrankung handeln würde. Es fand sich so gut wie kein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen der Art der Etikettierung und den Empfehlungen bezüglich professioneller Hilfesuche. Gleiches gilt für die Art und Weise, wie die Befragten auf die depressiv erkrankte Person emotional reagierten. Auch hier bestand kein Zusammenhang zur Etikettierung. Es konnte somit weder die aus dem Konzept der Mental Health Literacy noch die aus dem Labeling Approach abgeleitete Hypothese bestätigt werden. Schlussfolgerungen Aus unserer Studie lassen sich zwei Schlussfolgerungen ziehen: (1) Im Gegensatz zur psychiatrischen Diagnose ist der Begriff "Depression" im allgemeinen Sprachgebrauch weit gefasst und unscharf definiert. Da dieser Begriff offensichtlich nicht nur krankheitswertige Störungen inkludiert, ist die Bezeichnung einer Symptomatik als "Depression" im Rahmen einer Bevölkerungsbefragung nicht gleichbedeutend damit, dass die befragte Person damit auch eine psychische Erkrankung meint.

(2)Der Zusammenhang zwischen der Etikettierung bzw. Definition depressiver Störungen einerseits und den Hilfesuchempfehlungen sowie den emotionalen Reaktionen auf die Betroffenen andererseits scheint geringer zu sein als theoretische Überlegungen nahelegen. Inwieweit hierbei die oben beschriebene Ambiguität des Begriffs "Depression" eine Rolle spielt, muss offenbleiben und sollte Gegenstand zukünftiger Forschung sein.

Zusammenfassung (Englisch)

Aim With regard to the effects of the perception of symptoms of mental illness by the lay public, there are two different theories, the concept of 'Mental Health Literacy', and the 'Labelling Approach' (labelling theory). While Mental Health Literacy highlights the positive effects of correct labeling on illness behavior, the labeling approach emphasizes negative consequences on attitudes towards those afflicted by mental disorder. So far, these two theories have only been investigated separately in empirical studies. Aim of this thesis is to examine hypotheses derived from both concepts simultaneously, using depression as an example. The hypothesis based on the concept of mental Health Literacy was that if depressive symptoms were defined as an expression of depression the willingness to recommend seeing a psychiatrist, a psychotherapist or a general practitioner should be greater. The Labelling Theory was examined on the basis of the relationship between the definition and labelling of depressive symptoms and the emotional response to the affected person. It was hypothesized that people who consider depressive symptoms as sign of depression or mental illness will react more with fear and anger and less with pro-social feelings.

Method From mid-March to late April 2009, a telephone survey among the Viennese population was conducted (minimum age 16 years). Following the presentation of a case vignette depicting a case of depression, respondents were asked by means of an open-ended question to label the condition described in the vignette. Subsequently, the interviewees were asked about their emotional reactions and what professional help they would recommend for treatment.

Results One third of respondents who had defined depressive symptoms as a sign of "depression" were not ready to consider the condition as an indication of mental illness. Hardly any statistically significant relationship did exist between labeling and help-seeking recommendations. The same held true for how respondents reacted emotionally to the person depicted in the vignette. Here again, no statistically significant association with labeling was found. Thus, neither the hypothesis derived from the concept of Mental Health Literacy nor that from Labeling Theory was supported by our findings.

Conclusions Two conclusions can be drawn from our study:

(1) Contrary to the psychiatric diagnosis, the term "depression" in mundane language has different meanings and is rather ambiguous. It does not only include symptoms of clinical significance. In the context of a survey, if respondents label symptoms as indication of depression this does not necessarily mean that they consider the condition as a mental illness.

(2) The relationship between labeling or definition of depressive symptoms on the one hand and help-seeking recommendations and emotional reactions on the other seems to be less pronounced as one might expect based on theoretical considerations. To what extent the ambiguity of the term "depression" plays here a part remains open and should be clarified in future research.